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Gift im Glas, Chaos im Kopf
Rund 1,5 Millionen Deutsche sind Alkoholiker. Nur wenige nehmen Hilfe in
Anspruch. Dabei läßt sich die Krankheit sehr gut behandeln -aber nicht heilen.

VON GEORG RÜSCHEMEYER
Hemingway war es mit Sicherheit. F. Scott Fitzgerald auch. John Steinbeck und William
Faulkner höchstwahrscheinlich. Unter den Literaturnobelpreisträgern aus den Vereinigten
Staaten dürften die Alkoholiker die Mehrheit stellen. Sie tragen bei zu der Legende von der
Kreativdroge. Ihr wahres Gesicht zeigen Bier, Wein und Schnaps jedoch auf Bahnhofsvorplät-
zen oder Parkbänken: das Gesicht einer Droge, die abhängig und krank macht, die einen nicht
mehr losläßt. Auch wenn Schätzungen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen: Etliche Millionen Deutsche trinken mehr, als ihnen guttut, ungefähr
1,5 Millionen sind alkoholabhängig. Viel Arbeit für Selbsthilfegruppen wie die „Anonymen Alkoholi-
ker", die dieser Tage ihr fünfzigjähriges Jubiläum feiern. Aber auch für Biologen und Me-
diziner, die nach den Ursachen dieser Sucht forschen und Therapien entwickeln, um
ihr beizukommen.


Zwei Menschen trinken gleich viel und gleich oft. Einer von bei-den wird Alkoholiker, der andere nicht. Warum?Der Weg zum Alkoholiker beginnt meist unauf-fällig. Schon Jugendliche schätzen den Rausch, den der Ethylalkohol, enthalten im Bier oder im Mixgetränk, auslöst. Seine entspannende und enthemmende Wirkung dürfte auch bei den meisten Erwachsenen der Hauptgrund sein, gelegentlich zur Flasche zu greifen. Doch für manche wird aus diesem „gelegentlich" ein „regelmäßig", aus dem Genuß ein Zwang, der
Geist und Körper zerstört.

 

Der Weg in die Sucht ist nicht unbedingt pro-grammiert: Viele Menschen trinken abends eine
Flasche Bier oder ein Glas Rotwein, ohne jemals abhängig zu werden. Warum sackt der
eine in den Alkoholismus ab, während der andere nur mäßig trinkt und auch nicht unruhig wird,
wenn mal nichts Alkoholisches im Haus ist?„Es ist klar, daß etwa die Hälfte des Risikos,
alkoholabhängig zu werden, genetisch bedingt ist", sagt Karl Mann, Professor für Suchtmedi-
zin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er zitiert Studien, die das Risiko,
alkoholkrank zu werden, bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen vergleichen. Wenn eines
der beiden Geschwister alkoholsüchtig wird, so ist bei den genetisch identischen eineiigen Zwil-
lingen das Risiko für den zweiten fest doppelt so hoch wie im Falle von zweieiigen Zwillingen, die
sich nur die Hälfte des Erbgutes teilen. Andere Studien . untersuchten die Häufigkeit von Al-
koholabhängigkeit bei Menschen, die als Säug-linge adoptiert worden waren. Die biologischen
Kinder von Alkoholikern wurden später drei- bis viermal häufiger abhängig als andere Kinder,
unabhängig von der Situation in der Adoptivfamilie.
Die Mär vom alles entscheidenden Alkoholiker-Gen glaubt Mann allerdings nicht: „Das sind
wohl eher zehn, zwanzig, weiß der Kuckuck, wie viele Gene da eine Rolle spielen."

Vor allem sei eine genetische Disposition, wie auch bei vielen angeblichen Erbkrankheiten, kein endgültiges Schicksal: „Diese Menschen müssen
sich nur mehr als andere vor den Gefahren des Alkohols in acht nehmen."
Ebenso wichtig wie die genetische Veranla-gung sind aber auch die sozialen Umstände.
Schon die Mitgliedschaft im falschen Musikver
ein kann einen auf Abwege bringen, wie eine
britische Studie bei Dudelsackspielern kürzlich zeigte. In den Bagpipe-Orchestern sei es Usus,
nach dem Musizieren gemeinsam überaus heftig zu trinken - entsprechend häufig verfie-
len die Künstler dem Alkohol. Ein skurriles Beispiel für ein simples Prinzip: Wer in einem
Umfeld lebt, in dem Alkohol an der Tagesordnung ist, läuft auch eher Gefahr, abhängig zu
werden. In Kombination mit einer genetischen Veranlagung zur Sucht ist dann die Wahr-
scheinlichkeit einer Säuferkarriere recht hoch.

Wer ist Alkoholiker, wer nicht?
Die Diagnose von Alkoholismus und seine Abgrenzung vom eher gemäßigten Trinken ist allesandere als eindeutig. Eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich über einen ausgedehnten Zeitraum und tritt meist dann auf, wenn ein dauerhaft erhöhter  Alkoholkonsum und die individuelle genetische Disposition zusammenwirken. Nach dem internationalen Klassifizierungssystem für Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation WHO ist derjenige alkoholabhängig, der mindestens drei der folgenden Kriterien erfüllt: • Ein starker Wunsch oder Zwang, Alkohol zu konsumieren.
• Eine verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, der Beendigung und der Menge des Konsums.

• Körperliche Entzugssymptome (beispielsweise Zittern, Schwitzen, Übelkeit, Schlafstörungen, Unruhe oder Angstzu-
stände) bei Beendigung oder Reduktion des Konsums.

• Alkoholtoleranz: Es sind zunehmend höhere Dosen erforderlich, um die gleiche Wirkung hervorzurufen.
• Andere Vergnügungen oder Interessen werden zugunsten des Alkohols zunehmend vernachiässigt.
• Der Alkoholkonsum wird trotz eindeutiger schädlicher Folgen fortgesetzt.

Die Rolle der Gene deutet schon darauf hin, daß Alkoholismus mehr als eine schlechte An-
gewohnheit ist - ihm liegen konkrete biologische Vorgänge zugrunde. Diese Umbauprozesse, die
sich im Laufe einer Alkoholikerkarriere im Körper abspielen, sind allerdings noch längst nicht
vollständig erforscht. Ein Mechanismus, den die Forscher für die körperliche Abhängigkeit von
Alkohol für entscheidend halten, ist die Verän-derung von Rezeptormolekülen, die im Gehirn
die Kommunikation der Nervenzellen ermöglichen. Dazu gehören die Rezeptoren für die
Botenstoffe Glutamat und Gamma-Aminobuttersäure (Gaba). Obwohl sie auf den-
selben Nervenzellen sitzen können, haben beide im zentralen Nervensystem exakt gegen-
sätzliche Aufgaben. Während die Glutamat-Rezeptoren der Nervenzelle das Signal zum
Feuern geben, hemmen Gaba-Rezeptoren die Erregungsausbreitung im Gehirn. „Glutamat
gibt Gas, und Gaba tritt auf die Bremse", be-schreibt Karl Mann die Wirkung des Rezepto-
renduos. Normalerweise besteht zwischen diesen beiden Rezeptortypen ein fein abgestimm-
tes Gleichgewicht. Alkohol jedoch verstärkt die beruhigende Wirkung der Gaba-Rezeptoren und hemmt die des Glutamats - ver- mutlich trägt er so zur.entspannten Stimmung im Bier-
garten bei. Ist der Alkoholspiegel im Blut jedoch dauerhaft erhöht, fängt der Körper allmählich an, gegenzusteuern: Er produziert verstärkt Glutamatrezeptoren. Das ist der Anfang der Abhängigkeit,denn wenn der Betroffene jetzt mit dem Trinken aufhört, übernimmt das Glu-
tamat die Kontrolle. Es kommt zum Zittern, zu Rastlosigkeit und Schweißausbrüchen bis hin zu
Krampfanfällen. An diesen chaotischen Verhältnissen im Alkoholikergehirn setzt eine neue Generation von Medikamenten an. Der Wirkstoff Acamprosat etwa
dämpft die vom Glutamatsystem ausgelösten Entzugserscheinungen. Erst kürzlich entdeckten amerikanische Mediziner, daß auch das bekannte Epilepsie-medikament Topiramat beim
Alkoholentzug helfen kann. Topiramat wirkt vermutlich auf Nervenzellen ein, die auf den
Botenstoff Dopa-min ansprechen. Solche Zellen sitzen unter anderem im limbischen Sys-
tem, jenem Teil des Gehirns, der für unser Gefühlsleben eine entscheidende Rolle spielt.
Alkohol unterdrückt dort die Wirkung des Do-pamins und löst Wohlgefühle aus, die beim
Abhängigen die Lust auf das Trinken erhöhen. Beim Entzug schießt die Wirkung des
Dopamins, ähnlich wie die des Glutamats, über und verursacht Halluzinationen - die berüchtigten weißen Mäuse. Nun könnte man die eingebildeten Nager für harmlos und die Trunksucht für halb so schlimm halten, wäre da nicht die verheerende Wirkung des Zellgifts Alkohol. Die vom Ethylal-
kohol ausgelösten Krankheiten reichen von der Leberzirrhose über Gelbsucht bis zur Atrophie
ganzer Teile des Gehirns. Und die sozialen Folgen für den Betroffenen sind oft genauso
schlimm: Arbeitsplatz und Lebenspartner gehen verloren, Isolation und Vereinsamung stellen
sich ein - viele sehen da nur einen Ausweg: noch mehr Alkohol. Dabei läßt sich diese Krankheit hervorragend behandeln, betont der Suchtforscher Karl
Mann. „Bei der klassischen Alkohol-Rehabilitation sind über zwei Drittel der Patienten auch ein Jahr später noch trocken. Das
sind Erfolgsquoten, von denen andere Reha-
Maßnahmen nur träumen können." Auf diesem „klassischen Königsweg der Suchttherapie",
wie Mann es nennt, bleibt der Trinker nach einer akuten Entgiftungsphase bis zu einem
halben Jahr in der Klinik. In dieser Zeit lernt er in einer Vielzahl von Therapien, die Gründe sei-
ner Sucht zu verstehen. In Rollenspielen probt er die Versuchungen des Alltags und neue
Strategien, mit ihnen umzugehen. Schuldenberatung und Kurse für eine alternative Freizeit-
gestaltung sollen es ihm ermöglichen, ein neues Leben ohne Alkohol zu beginnen.
Textfeld: Die beste Therapie hat einen Haken: Sie erreicht nur zwei Prozent der Bedürftigen.Ein wunderbarer Therapieansatz, meint Mann, wäre da nur nicht ein Problem: Er er-
reicht gerade mal ein bis zwei Prozent der Bedürftigen. Hier können neue Therapieformen
helfen, die differenzierter auf die Lage des Patienten eingehen und ihn nur so lange in der
Klinik behalten, wie es wirklich notwendig ist, Diesen Weg geht beispielsweise die am Göt-
tinger Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin entwickelte Ambulante Langzeit-
Intensivtherapie für Alkoholkranke, kurz Alita genannt. Am Anfang steht auch hier die Entgif-
tung in der Klinik, doch schon nach zwei bis drei Wochen kann der Patient wieder nach
Hause gehen. Es beginnt die ambulante Phase der Therapie, die sich über zwei Jahre er-
streckt. Sie beruht auf einer strengen Überwachung der Patienten, im Fachjargon „aggressi-
ve Nachsorge". In den ersten Monaten muß der Patient täglich zu einem viertelstündigen
Gespräch in der Ambulanz erscheinen. Kommt er einmal nicht, steht bald darauf ein Betreuer
vor seiner Haustür. Der Urin des Patienten wird regelmäßig auf Alkohol und andere Drogen
untersucht. Er muß ein Medikament einnehmen, das in den Abbau von Alkohol eingreift.
Schon nach einem einzigen Bier staut sich Acetaldehyd im Körper an und löst Übelkeit und
Herzrasen aus. Neben dieser straffen Kontrolle, die Rückfällen
vorbeugen soll, bietet Alita aber auch Gesprächstherapie und Hilfe bei der sozialen
Wiedereingliederung an. Im Notfall steht ein Alita-Mitarbeiter rund um die Uhr zur Verfü-
gung, „bei Nacht und Nebel und auch zu Weih-nachten, wenn es sein muß", sagt die Leiterin
des Projekts, Hannelore Ehrenreich. Das Modellprojekt mit 180 schweren Alkoholikern,
das nach zehn Jahren in diesem Sommer abgeschlossen wurde, brachte sehr gute Ergeb-
nisse. Auch sieben Jahre nach der Therapie war mehr als die Hälfte der Teilnehmer noch
komplett abstinent, wesentlich mehr als in einer parallelen Kontrollgruppe, die sich anderen
Entzugstherapien unterzogen hatte. Auch die Arbeitslosenquote unter den Patienten sank von anfänglich über 60 Prozent auf fast schon normale 22 Prozent.


Alkoholkonsum in Deutschland: Wer, wieviel, wie oft?
Wie viele Menschen vom Alkohol wirklich abhängig sind, ist schwer zu berechnen und letztlich eine Frage der Definition.
Als Grenzwert für einen „riskanten Konsum" von Alkohol gelten allgemein 20bis 40 Gramm reinen Alkohols pro Tag bei Männern und 10 bis 20 Gramm bei Frauen. Ein halberLiter Bier oder ein viertel Liter Wein enthalten etwa 20 Gramm Alkohol. Durchschnittlich
nimmt jeder Deutsche (also inklusive Babys und Greise) gut 20 Gramm Alkohol täglich zu sich.
Von den 18- bis 69jährigen neigen 9,3 Millionen zum riskanten Konsum, darunter sind
schätzungsweise 1,5 Millionen alkoholabhängig. Drei Viertel der Vieltrinker und Abhängigen sind Männer. Jährlich sterben etwa 42 000 Menschen, deren Tod direkt oder indirekt (etwa durch einen berauschten Unfallverursacher) mit Alkohol in Verbindung steht. Im vergangenen Jahr ließen sich
etwa 50000 Menschen wegen ihrer Alkoholabhängigkeit in Entzugseinrichtungen behandeln. Die
Kosten des Alkoholkonsums für die Volkswirtschaft sind ebenfalls schwer zu beziffern. Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts liegen sie bei bei etwa 20 Milliarden Euro im Jahr. Ehrenreich ist von den Vorteilen einer ambulanten Therapie wie Alita überzeugt: „Beim stationären Entzug leben
die Patienten in einer Scheinwelt. Wenn sie dann nach einem halben Jahr entlassen werden, kommen sie mit der Realität oft nicht zurecht und werden rückfällig. Bei einer ambulanten Therapie dagegen lernen sie, in ihrer natürlichen Umgebung abstinent zu leben." Zudem falle den meisten Betroffenen der Entschluß zu einer ambulanten Therapie wesentlich leichter. „Die kann man zur Not auch vor Freunden und Arbeitskollegen ver-heimlichen", sagt Ehrenreich. So werde dem Trinkerder erste Schritt in eine Therapie er-
leichtert. Und genau der ist für die meisten Alkoholab-hängigen der schwerste. Viele nehmen eine
Therapie nie oder erst sehr spät in Anspruch. So haben die meisten Alkoholiker, die sich in
eine Therapie begeben, bereits eine langjährige Trinkerlaufbahn hinter sich. Grund dafür sei meist das Leugnen der eigenen Situation oder
das ewige Verschieben des Gangs zur Bera-
tungsstelle, meint Lutz Schmidt, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. „Aber selbst der Abhängige im fortgeschrittenen Stadium hängt noch am Alkohol als etwas Positivem, etwas, das ihn entspannt und von Sorgen befreit." Ohne Druck von außen ist dieser Schritt für viele nicht zu schaffen. Neben Familie, Freunden und dem Arbeitsumfeld spielt der Hausarzt eine entscheidende Rolle, sagt Schmidt. Viele Mediziner „realisieren nicht, daß es der Alkohol ist, der den Magen eines Patienten angreift, und schreiben die Beschwerden dann dem Streß zu." In Fortbildungskursen sollen Hausärzte nun für die Diagnose Alkohol sen-sibilisiert
werden. Viele Patienten suchen auch die Unterstützung in Selbsthilfegruppen wie
dem  „Blauen Kreuz", um ün Kreis von Leidensgenossen der Gefahr eines Rückfalls vorzubeugen. Denn selbst wenn alles gutgeht und der Alkoholiker nach einer erfolgreichen Therapie abstinent bleibt, ist er nicht von der Sucht geheilt. „Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker" ist die gängige Meinung. Zu Recht, meint Karl Mann: „Es ist frappierend, wie schnell ein schon seit Jahren trockener Alkoholiker wieder in den Suff abgleiten kann." Und Hannelore Ehrenreich ergänzt: „Alkoholismus ist behandelbar, aber nicht heilbar. Deswegen sind auch trockene Alkoholiker ein Leben lang auf Hilfe angewiesen."
http://www.dhs.de/ (Website der Deutschen Hauptstelle
Sucht),
http://www.alita-olita.de/ (Alita-Therapie),
http://www.alkoholratgeber.de/  

 

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