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Sendung am Do | 05. 02. 2004| 22:35 Uhr

Flaschenkinder

Vater trinkt - Mutter auch 

 

Ein Film von Christel Sperlich

Wohl kaum eine Krankheit wirkt sich so verheerend auf die Familie aus wie die Alkoholsucht. Rund zwei Millionen Kinder leben mit der Alkoholabhängigkeit ihrer Eltern. Sie lernen zu lügen und zu schweigen.

 

BildAndrea lernte die

verschiedenen Seiten ihres Vaters kennen

 

Alkohol bestimmte den Familienalltag

Andrea konnte das Familiengeheimnis niemandem anvertrauen - weder in der Schule, noch bei Freunden oder Verwandten. Selbst wenn sie zu den Nachbarn flüchtete, sprach sie kein Wort von der häuslichen Situation. Für Andrea waren Gedichte und Lieder Rettungsanker vor der Sucht ihres Vaters. Der hatte schon in frühester Jugend zur Flasche gegriffen und blieb dabei.

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                                              Bierselige Fröhlichkeit: Die Eltern von

                                                             Sven und Jeanette vernachlässsigten  ihre Kinder

In seiner ungezügelten Wut schlug er seine Frau, die Situation eskalierte. Heute ist er trocken und erst jetzt merkt er, wie sehr er seine Tochter vernachlässigte und wie nachhaltig der Alkohol den Familienalltag bestimmte.

Kinder werden zu Kontrolleuren oder Komplizen trinkender Eltern

Sven und Jeanette wurden ins Kino geschickt, wenn die Eltern zu Hause getrunken haben. Morgens standen statt Frühstück Flaschen auf dem Tisch. Die Geschwister lernten, ihren Eltern nicht zu trauen und ständig auf der Hut zu sein. Zu Kontrolleuren oder Komplizen des trinkenden Vaters oder der trinkenden Mutter missbraucht, wurden die Kinder zu Eltern ihrer Eltern. Auf Kontakt reagierten sie mit Wutausbrüchen oder zogen sich einfach zurück, erlebten sie doch in ihrer Familie keinen normalen Umgang.

 

Eltern, die trinken können sich aus der Abhängigkeit befreien. Die Kinder sind aber der Sucht von Mutter und Vater oft schutzlos ausgeliefert. Hinzu kommt die Pein und Scham der Kinder, wenn das Alkohol-Problem in der Öffentlichkeit ruchbar wird. So passen sie sich der kranken Familiensituation an, flüchten sich in Selbstzweifel, Minderwertigkeit und Schweigen.

Die Spuren dieser Jugend bleiben haften - oft lebenslang. Manche Kinder von damals werden selbst Alkoholiker oder entwickeln andere Süchte. Doch es gibt Hilfen und Wege aus dem familiären Suchtsystem

 

 

Ein genussvoller Umgang mit Alkohol kann der Freude, der Belohnung und der Steigerung des Wohlbefindens dienen. So gehört zur mediterranen Esskultur Genuss, Geselligkeit, Lebensfreude und das berühmte Glas Rotwein einfach dazu. Genuss wird aber nie einfach so nebenbei erzielt. Zu ihm gehört immer auch ein Innehalten im Alltag. Er ist meist durch gesellschaftliche Rituale geregelt. Franzosen, Italiener und Spanier etwa, nehmen sich ausgiebig Zeit für Ihre Mahlzeiten und zelebrieren ihr Essen regelrecht. Das Erlernen eines gepflegten Umgangs mit Genussmitteln ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Suchtvorbeugung. Gemeinsam ist allen Genussritualen, dass das Genussmittel nicht eingesetzt wird, um einen anderen Zweck zu erfüllen. Freude, Feiern und Genießen - allein, zu zweit oder in einer Gruppe - stehen im Mittelpunkt. Verbindliche Rituale wie das Warten, bis alle mit ihrem Glas bereit sind, der feierliche Trinkspruch, das Anstoßen, das schluckweise Genießen und das rechtzeitige Aufhören, bevor die starke Rauschwirkung des Alkohols einsetzt, sind Beispiel für einen genussvollen Umgang mit Alkohol.

 

 

Alles, was angenehme Gefühle hervorruft oder schlechte scheinbar vermindert, birgt die Gefahr des Missbrauchs in sich. Von Missbrauch spricht man, wenn Alkohol benutzt wird, um innere Spannungen zu reduzieren, Aggressionen besser schlucken zu können, Bedürfnisse nach Nähe, Geborgenheit oder Zugehörigkeit zu kompensieren, Hemmungen zu überwinden und das Gefühl, noch leistungsfähig zu sein, vor sich selbst aufrecht erhalten zu können. Wer dazu neigt, zu dieser "Ersatzlösung" zu greifen, um Konflikten aus dem Weg zu gehen oder unangenehme Gefühle zu betäuben, kann sich schnell an den künstlichen Stimmungsmacher Alkohol gewöhnen.

 

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Alkoholabhängigkeit

Die Empfindlichkeit gegenüber Alkohol ist individuell. Es gibt keinen absoluten Grenzwert. Mit Gesundheitsschäden durch Alkohol muss bei Frauen ab einem regelmäßigen Konsum von 20 g Alkohol (0,5l Bier oder 0,25l Wein) und bei Männern ab 30 g pro Tag gerechnet werden. Das sind die Richtwerte, die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt. Die WHO hat den Unbedenklichkeitswert in jüngerer Zeit nach unten korrigiert. Danach gilt ein Konsum von nur 7 g Alkohol (0,2l Bier, 0,1l Wein) pro Tag für gesunde erwachsene Menschen als unbedenklich. Schwere gesundheitliche Schäden können aber nicht nur infolge von Alkoholabhängigkeit entstehen. Auch ein hoher gewohnheitsmäßiger Konsum birgt große gesundheitliche Risiken. Deshalb sollte nicht täglich getrunken werden. Eine Alkoholanhängigkeit ist nicht abhängig von der Menge des Alkoholkonsums. Es spielt dabei keine Rolle, ob z.B. täglich 1 Liter Bier, 1 Liter Wein oder 1 Liter Schnaps konsumiert wird. Die Alkoholabhängigkeit wird allmählich erworben (gelernt) und hinterlässt im Gehirn dauerhafte chemische Spuren. Durch Alkohol wird das Belohnungszentrum im Gehirn angesprochen. Diese Wirkung wollen Alkoholabhängige immer wieder erreichen, vor allem wenn Probleme und Konflikte dadurch überlagert werden können. Es wird immer wieder getrunken - das Trinken wird stabilisiert.

 

Die Phasen der Alkoholabhängigkeit

Die Unterteilung des alkoholischen Krankheitsverlaufes in vier Phasen wurde von dem bekannten amerikanischen Professor Elvin Morton Jellinek (1890-1963) in seiner »Strukturanalyse des alkoholischen Krankheitsprozesses« im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgearbeitet.

 

1. Die voralkoholische symptomatische Phase

Der Griff zum Alkohol, um dann besser mit Problemen umgehen zu können. Es besteht eine psychische Abhängigkeit vom Alkohol, in der das Trinken noch kontrolliert werden kann. (Erleichterungstrinken)
Im Laufe eines halben Jahres bis zu zwei Jahren fällt die Toleranz für seelische Belastungen in einem solchen Maße ab, dass man praktisch täglich Zuflucht zu alkoholischen Getränken nimmt.
Nach einer gewissen Zeit kann eine Erhöhung der Alkoholtoleranz festgestellt werden. Das heißt, es wird eine größere Menge Alkohol als früher benötigt, um die gewünschte Beruhigung zu erreichen.

 

2. Die Vorläufer-Phase (prodomale Phase)

Es sind schon einige Anzeichen alkoholabhängigen Verhaltens vorhanden. Die prodomale Phase wird eingeleitet durch plötzlich auftretende Erinnerungslücken (Amnesien). Diese Gedächtnislücken können auftauchen ohne Anzeichen von Trunkenheit. Bier, Wein und Spirituosen beginnen jetzt praktisch aufzuhören Getränke zu sein, sondern werden vielmehr eine "Medizin", die der Trinker braucht. Das dauernde Denken an Alkohol ist ein weiterer Beweis für seinen Bedarf. Wegen der vermehrten Alkoholabhängigkeit kommt es zum "gierigen Trinken", dem Herunterkippen des ersten oder der ersten beiden Gläser. Der Betroffene merkt nun deutlich, dass mit seinem Trinkverhalten etwas nicht stimmt. Die prodomale Phase der Sucht kann von sechs Monaten bis zu vier oder fünf Jahren dauern. Danach beginnt die kritische Phase mit dem Einsetzen des Kontrollverlustes. Noch gibt es aber die Möglichkeit, die unmittelbar bevorstehende körperliche Abhängigkeit abzuwenden.

 

3. Die kritische Phase

Ab hier beginnt die Alkoholsucht. Das Denken an Alkohol und das Trinken von Alkohol nimmt großen Raum im Leben ein. Es besteht eine körperliche Abhängigkeit. Der Süchtige hat nicht mehr die Wahl, trinken zu wollen oder nicht. Er muss trinken. Es findet ein Kotrollverlust statt. Bereits nach einer kleinen Menge Alkohol entsteht im Körper ein Verlangen nach "mehr". Dieses Verlangen hält solange an, bis der Trinker zu betrunken oder zu krank ist für eine weitere Alkoholaufnahme. Gewissensbisse, Unwillen, Kampf zwischen Sucht und Pflichten, Selbstwertverlust, Zweifel und falsche Ermutigung haben den Kranken so weit zerrüttet, dass er den Tag nicht mehr ohne Alkohol kurz nach dem Aufstehen oder schon vorher beginnen kann. Es kommt zum "regelmäßigen morgendlichen Trinken".

 

4. Die chronische Phase

Die chronische Phase, die von ausgedehnten Rauschzuständen gekennzeichnet ist, ist die letzte Phase einer schweren chronischen Alkoholabhängigkeit. Die alles beherrschende Rolle des Alkohols und das Verlangen ("Craving") nach morgendlichem Trinken brechen schließlich jeden Widerstand des Süchtigen. Er ist tagsüber und mitten in der Woche schwer betrunken. In diesem Stadium verharrt er einige Tage, bis er völlig unfähig ist, irgendetwas zu unternehmen. Ein Teil der Kranken zeigt als Folge das Phänomen des gespaltenen Menschen. Die Persönlichkeit wandelt sich. Das Phänomen der Spaltung tritt besonders deutlich in den Alkoholpsychosen hervor und ist vielfach an Sinnestäuschungen gebunden (Hören von Stimmen und visuelle Täuschungen). Diese Krankheitsform wird als "Alkoholdelirium" oder auch als "Prädelir" bezeichnet. Die schwerste und lebensbedrohliche Form ist das "Delirium tremens", das bei plötzlichem Alkoholentzug auftreten kann. In 20 % der Fälle endet das Delirium tremens tödlich.

 

 

Typen von Alkoholikern

Jellinek unterscheidet fünf Typen von Personen mit Alkoholproblemen. Den Alpha- und Beta-Typen bezeichnet er als Vorstufe, Gamma-, Delta- und Epsilon-Typen als alkoholkrank. Alpha - Trinker (Problemtrinker, Erleichterungstrinker, Konflikttrinker): ist von der Wirkung des Alkohols vor allem psychisch abhängig, verwendet Alkohol dazu, um körperliche oder seelische Belastungen leichter zu ertragen; kein Kontrollverlust, Abstinenzphasen, keine Anzeichen körperlicher Abhängigkeit. Beta - Trinker (Gelegenheitstrinker): ist weder psychisch noch körperlich abhängig; es zeichnen sich jedoch erste gesundheitliche Folgen des Alkoholkonsums ab: Gastritis, Leberzirrhose. u.a. Gamma - Alkoholiker (Rauschtrinker): trinkt im Tagesverlauf unregelmäßig, abwechselnd Phasen von starker Berauschung und unauffälligen Episoden; erhöhte Alkoholtoleranz, körperliche Abhängigkeit bereits vorhanden, wenn auch geringer als psychische Abhängigkeit; Kontrollverlust - kann nicht mehr aufhören zu trinken; kann phasenweise abstinent bleiben; Delta - Alkoholiker (Spiegeltrinker, Gewohnheitstrinker): trinkt täglich und regelmäßig; zeigt keine Rauschsymptome; kein Kontrollverlust, aber Unfähigkeit zur Abstinenz, weil sonst Entzugserscheinungen auftreten; psychische und körperliche Abhängigkeit und Folgeerscheinungen; oft Angehörige von "Alkoholberufen". Epsilon - Alkoholiker (Quartalsäufer): kann monatelang abstinent leben, abwechselnd mit exzessiven Alkoholphasen; stärkere psychische Abhängigkeit als körperliche; Kontrollverlust.

 

 

 

Schnaps räumt den Magen auf?

 

Alkohol als Ersatzlösung?

 

 

Anders heilen: Selbsthilfegruppen für Angehörige

 

Alkoholismus ist nicht nur die Krankheit des Trinkers selbst. Die Angehörigen leiden mit. Sie lieben ihren Partner, sind abhängig von ihm und damit auch von seiner Sucht. Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. Die Sucht des Alkoholkranken bestimmt immer mehr auch das Leben der Familie. Verzweifelt ringen die Partner darum, den Süchtigen vom Alkohol abzubringen. Sie versuchen, ihn zu manipulieren und zu kontrollieren. Am schlimmsten sind die Selbstvorwürfe. Viele glauben, irgendwie Schuld zu sein an der Sucht des Partners. Auch die Mit-Betroffenen brauchen eine Therapie.

 

Auch Partner und Angehörige sind betroffen.(Bild)

 

Hilfe finden Partner, Kinder oder Freunde von Alkoholikern seit vielen Jahren in den al-anon Familiengruppen. Hier lernen die Betroffenen, von ihren Problemen Abstand zu gewinnen, Angst und Schuldgefühle abzubauen. Rund 1000 solcher Gruppen gibt es in Deutschland. Sie basieren auf Selbsthilfe und Erfahrungsaustausch. Die al-anon Gruppen sind anonyme Selbsthilfegruppen. Nichts, was hier gesprochen wird, verlässt den Raum. Es werden keine Namen aufgeschrieben, jeder kann kommen und gehen, wann er möchte. Aus den Erfahrungen der anderen, kann jeder das für sich mitnehmen, was ihm wichtig ist.

 

Die Angehörigen müssen lernen, das sie für die Krankheit ihres Verwandten oder Freundes nicht verantwortlich sind. In den Gruppen lernen die Betroffenen, ihre Machtlosigkeit gegenüber dem Süchtigen und seiner Krankheit zu akzeptieren. Das fällt vielen schwer. Genauso wie das Loslassen: Viele Partner übernehmen Verantwortung und Aufgaben des Kranken und verzweifeln darüber, dass all diese Bemühungen nichts nutzen.

 

Bild:

Verwandte müssen lernen mit der Situation umzugehen.

 

Die Abhängigkeit vom Abhängigen ist eine Krankheit, die nicht von allein heilen kann. Al-anon bietet einen Ausweg. Durch den Erfahrungsaustausch finden Angehörige zu einem Gefühlsleben zurück, das nicht mehr ausschließlich und rund um die Uhr von der Sucht des Partners bestimmt wird.

 

 

 

 

 

Hilfe verspricht: Spezielle Angebote fürFrauen
Trinken ist nicht nur Männersache. Etwa 30 Prozent der behandlungswürdigen Alkoholiker in Deutschland sind weiblich. Frauen werden viel schneller abhängig als Männer.
BildFrauen werden viel schneller abhängig als Männer.
 
Ihr Körper verträgt weniger Alkohol, die gesundheitlichen Folgen sind gravierender. Sie erkranken viel schneller an Leberzirrhosen oder Schädigungen des Zentralen Nervensystems mit Denk- und Konzentrationsstörungen. Auch das Krebsrisiko steigt drastisch an. Um die Sucht geheim zu halten, steigen Frauen viel schneller auf Hochprozentiges um. Frauen trinken, um Stress und Belastungen auszuhalten, um sich leistungsfähiger zu machen, um vorübergehend Probleme zu vergessen. Der Rausch hat für sie genau diese Funktion.
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Im Sächsischen Krankenhaus Rodewisch erhalten Frauen deshalb eine spezielle Entwöhnungstherapie – ganz ohne Männer. Sie lernen, wieder Freude und Spaß ohne Alkohol zu haben, Belastungen und Aufgaben zu meistern. Die Frauen haben meist jahrelang in sozialer Isolation getrunken. In den Gruppen erfahren sie zum ersten mal Solidarität und Hilfe und können dadurch endlich die Ursachen ihrer Sucht aufdecken. Das Ziel ist, einen Schonraum zu schaffen, in dem die Frauen offen über ihre Probleme und Einstellungen reden können. Zum Beispiel über ihre Partnerschaft. In Anwesenheit von Männern würden sie niemals so offen über ihre Beziehungsprobleme sprechen. Das ist aber notwendig, um den Mechanismus der Sucht zu erkennen.
 
Damit die Therapie erfolgreich ist, müssen die alkoholkranken Frauen auch nach dem Klinikaufenthalt weiter betreut werden. Einige Suchtberatungsstellen unterbreiten deshalb auch in der Nachsorge spezielle Angebote. Spezielle Frauengruppen basieren ganz auf Selbsthilfe. Die Therapeuten der Beratungsstelle stehen aber jederzeit zur Verfügung. Diese Gesprächsmöglichkeit hilft, abstinent zu bleiben oder eine Krise zu überwinden. Nur eine enge Vernetzung von Hausarzt, Rehaklinik und Suchtberatung schützt die Frauen vor einem Rückfall in ihre zerstörerische Krankheit.
 
 

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