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      * 16.12.1911
        + 30.10.1981

 

Bericht über die

Blaukreuzarbeit

 

Westoverledingen und Rheiderland

von Johannes Schaa 
(Mitbegründer der Blaukreuzarbeit Ihrhove)
September 1981

 

 

Liebe Geschwister und  Freunde der Blaukreuzarbeit,

 

beginnen möchte ich mit einem Bibeltext, den ich meinem Bericht voranstelle:

 

' Es begab sich aber, das sich das Volk zu ihm drängte, zu hören das Wort Gottes, daß er stand am See Genezareth

2 und sah zwei Schiffe am See stehen, die Fischer aber waren ausgetreten und wuschen ihre Netze.

3 da trat er in der Schiffe eines, welches Simon war und bat ihn, daß er's ein wenig vom Lande führte. Und er setzte sich und lehrte das Volk aus dem Schiff.

4 Und als er hatte aufgehört zu reden, sprach er zu Simon: "Fahre auf die Höhe und werfet eure Netze aus, daß ihr einen Zug tut!"

5 Und Simon antwortete und sprach zu ihm: "Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen, aber auf dein Wort hin will ich das Netz auswerfen."

6 Und da sie das taten, beschlossen sie eine große Menge Fische und ihr Netz zerriß.

7 Und sie winkten ihre Gesellen, die im anderen Schiff waren, daß sie kämen und hülfen ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Schiffe voll, also daß sie sanken.

8 Da das Simon sah, fiel er Jesu zu Knien und sprach: "Herr gehe von mir hinaus! Ich bin ein sündiger Mensch."

9 Denn es war ihm ein Schrecken angekommen, ihn und alle, die mit ihm waren, über diesen Fischzug, den sie miteinander getan hatten,

10 desgleichen auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gesellen. Und Jesus sprach zu Simon: "Fürchte dich nicht! Denn von nun an wirst du Menschen fangen!"

11 Und sie führten die Schiffe zu Lande und folgten Ihm nach.

                                                                                                              

Lucas 5, 1 – 11

 
 

Liebe Geschwister und Freunde!

 

Die Blaukreuzarbeit begann im Jahre 1877 in der Schweiz.

Zwei Pastoren waren bekümmert über die Alkoholnot in ihren Gemeinden. Alkoholiker, die in ihrer Verzweiflung sich das Leben nahmen, bekümmerte sie zu tiefst. Auch bereits schon damals war der Alkoholmißbrauch groß. Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland. Schon im Jahre 1885 wurde in Hagen (Westf.) ein kleiner und damit der erste Blaukreuzverein gegründet durch den Schweizer Pastor Bowet. Der erste, damals nannte man sie noch "Trinker", der durch die Kraft Gottes frei wurde vom Alkohol hieß: "Schluckebier".

 

Mein Ruf in die Arbeit des Blauen Kreuzes begann so:

 

In den Jahren 1908 – 1914 war hier in Ihrhove schon ein Blaukreuzverein mit Pastor Kramer, den ich noch gekannt habe. Zwischen den beiden Weltkriegen tat sich nichts in dieser Richtung.

Anlaß zur Gründung des Blaukreuzvereines war im März 1953 der Gärtner Groenewold, der im Jahre 1952 von einigen Blaukreuzlern aus Leer sich durch Unterschrift verpflichtete völlig alkoholfrei zu leben. Im Sommer war dann der Blaukreuzsekretär Wilhelm Lütge hier und besuchte auch H. Groenewold. (Heute ist er Suchtberater im Diakonischen Werk)

 

Nun fühlte auch unser Gemeindepastor Hermann Züchner sich verantwortlich und wollte helfen. Aus diesem Anlaß wurde Pastor Hermann Immer aus Emden, der auch im Hauptvorstand des Werkes in Wuppertal-Barmen war, zu einem Vortrag in die ref. Kirche eingeladen.

Das war am 26. 11. 1952

 

Der Herr gab Gnade zu diesem Vortrag. Wir erkannten, daß der Herr Jesus gerade denen helfen wollte, die am Ende waren. Die Familie Züchner und ich verpflichteten uns, nun sich aller alkoholischen Getränke zu entsagen. Zuerst hatte ich mit Anfechtungen zu kämpfen: "Nun bist du unter dem Gesetz. Darfst keinen Alkohol mehr trinken! War das nicht zu viel verlangt?" Doch schließlich bekam ich von Gott durch die Worte eines Bruders offene Augen, indem ich erkannte, daß es nicht auf das Gesetz, sondern auf die Liebe Jesu zu mir und den Nächsten ankommt. Ja, die Aussage der Bibel stimmt: Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung. Ja, wo die Liebe beginnt, hört die Gesetzlichkeit auf.

Im März 1953 hatten wir hier den Reisesekr. Daniel Fähler aus Barmen.

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(Tierarzt Dr. Rudolf Smidt im Gespräch mit dem Blaukreuzsekretär Daniel Fähler)

 

In verschiedenen Kirchen und Sälen hielten wir zusammen mit ihm eine Evangelisation.

Im Saale " Friesenhof " ist dann der Verein gegründet worden. In der ersten Blaukreuzstunde traten viele durch ihre Unterschrift dem Verein bei.

Nun war unsere ganze Familie mit in die Arbeit eingebunden. Dankbar waren wir, daß so viele durch die Enthaltsamkeit sich freiwillig verpflichten, Helfer zu sein oder sich helfen zu lassen. Im Blauen Kreuz war mit Bewährung erkannt worden, daß Gesunde und Kranke zusammengehören. Nur Kranke unter sich, daß ist nach unserer Meinung nicht gut. Das Blaue Kreuz ist ein Glaubenswerk. Die Botschaft des Evangelismus der frohen Botschaft hat den ersten Rang. Die diakonische Betreuung folgt diesem.

So hat uns es der Herr Jesus vorgemacht. Im Markus 2 lesen wir: Jesus heilt den Gichtbrüchigen, als er den Glauben der Träger sah, zuerst die kranke Seele und dann erst kam die Genesung des Leibes. "Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!" Dann wurde sein Körper geheilt.

So machten unsere Väter und so tun wir es auch heute noch. Junge und Alte kamen und sie ließen sich helfen.
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( Ausflug des Vereins Ihrhove nach Nordhorn ca im Jahre 1957)

 

Am Anfang waren wir 40 Personen, die sich freiwillig aus allen Konfessionen zu uns gesellten und mit uns enthaltsam leben und wirken wollten. Wir möchten durch unser Verhalten dem Betroffenen es vorleben, daß es ohne Alkohol besser geht als mit. Im Verzichten liegt größerer Segen als im Genießen.

 

Noch eine kurze Begebenheit zwischendurch:

In den Jahren 1960 – 1965 war der Blaukreuzsekr. Herbert Frische bei uns zur Evangelisation hier in Ihrhove. Eines Tages bat er mich, ihn zu begleiten. Er möchte gerne die Familie H.   in Ihren besuchen. Ein Bruder oder Onkel war zuvor in Hagen verstorben. Der war auch Alkoholiker gewesen. Er war durch die Kraft Jesu frei geworden und hatte dann rd. 10 Jahre im Verein Hagen mitgewirkt. Sehr froh und dankbar waren die Verwandten, daß wir beim Tee mit Brd. Frische eine Andacht hielten.
Zuvor hatten wir Tini G.   aus Ihren, die sehr krank und behindert war, besucht. Dies habe ich nie vergessen. Tini G.   lag im Bett. Ihrer Mutter ging es gut. Obwohl sie schon alt war, konnte sie ihre Tochter noch pflegen. Brd. Frische sagte zu Tini G.   : "Was hältst du davon, wenn wir nach Jak. 5, 14 mit dir beten und unsere Hände auf dein Haupt legen?"

Das braucht natürlich keine Heilung bewirken, aber es ist besser für den Kranken. Im Glauben sagte sie "Ja" dazu. Heute lebt sie noch, wenn auch immer noch mit Ihrer Behinderung.

Von 1947 bis 1959 wohnten wir im Haus der Deutschen Bundesbahn

 

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zwischen den Gleisen in Lütjewolde, dort wo die Strecke nach Weener abbiegt. Das Wohnzimmer war ca. 2 m vom Gleis entfernt. Meine Frau machte von Herzen mit und gab sich sehr große Mühe, wenn Blaukreuzstunden oder Jugendstunden

 

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bei uns abgehalten wurden. Sogar Pred. Engelmann, Filsum war schon bei uns. Wir hatten ein volles Haus. Manchmal saßen die Leute bis in den Flur und bis ins Schlafzimmer. Mitten während der Predigt gab es eine kurze Pause, wenn der Zug vorbeifuhr. Es war für uns ein Geschenk Gottes, daß dort in Lütjewolde, wo es sehr einsam war und die Zuwegung schlecht, daß so viele Freunde kamen und uns besuchten.

Wenn wir daran denken in der "schofelen Zeit", welche Opfer wir zu geben hatten, dann sind wir noch heute dankbar für den Segen und die Hilfe, die der Herr uns gab.

 

Ich möchte noch gerne die Namen der Blaukreuzsekr. nennen:

Daniel Fähler, Wilhelm Lütge, Herbert Frische

(Bild unten mit Johannes Schaa),

 

Sekr.

 

Wilhelm Wähling, Bäppler, Martin Bertelmann, Helmut Hollmann, Flottau, Oskar Reichstein, Ernst Tuschhoff 

 

 

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(Ernst Tuschhoff und Joke Schaa auf der Fähre bei Hilkenborg)

 

Diezinger, Günter Becker, Dreesen, Clemens und Schreiner.

 

Ich möchte noch erwähnen, daß um die Zeit 1957/ 1958 wir einmal eingeladen wurden bei Fam. Jürgen Kühlers, Viethweg, eine Blaukreuzstunde abzuhalten.

Wir nahmen die Einladung an. Zwei junge Brüder wollten uns mit dem Wort dienen: Rolf Smidt und unser Sohn Johannes. Das war in der Sommerzeit. Furchtbare Regenfälle machten den Weg unpassierbar. Die Autos mußten wir durchschieben. Sie schafften es einfach nicht. So hatten wir es geschafft, nur unsere Schuhe blieben im Schlamm stecken, die wir später mit Mühe wieder ans Tageslicht beförderten. Es war eine schöne Stunde. Rolf Smidt hatte gesprochen.
Johannes hielt dann 14 Tage später die Stunde bei Tante Janny in der Bahnhofstraße. Auch gut. Wir haben uns gewundert, welch eine Begabung diese jungen Brüder empfangen hatten.

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(Blaukreuzstunde 1960 im Hause Janni-Käthe & Dr. Rudolf Smidt) 

 

In Ihrhove haben wir dann alle 14 Tage die

Blaukreuzstunde gehabt. Wir hatten immer wieder ein offenes Haus. Etwas schöneres hat es für uns nicht gegeben, als daß sich so Jesus und seine Jünger bei uns wohlfühlten. Es war wunderbar, immer so viel Besuch zu haben.

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Dankbar sind wir, daß durch den Bruder Dr. Rud. Smidt, Tierarzt, wir einen treuen Freund und Helfer gehabt haben. Er ist nun schon beim Herrn. Er und seine Frau, die nun wie ich auch schwer krank ist,

sie waren von Anfang an mit dabei. Aus beruflichen Gründen hatte er immer einen direkten Draht, auch mit kranken Menschen. Jahrelang stellte er sein Haus der Arbeit des Blauen Kreuzes zur Verfügung.

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Wir hatten eine schöne Zusammenarbeit und Gemeinschaft! Eine Gabe Gottes ist auch eine Aufgabe für uns. Da dürfen wir von Herzen dankbar sein, daß Rud. Smidt diese Gaben und Aufgaben richtig erkannt hat. Tuschhoff sagte einmal: Wenn wir unsere natürlichen Begabungen nicht als ein Gnadengeschenk auf den Dankaltar Gottes legen und von dort her wieder zurückempfangen, wird's uns zum Verhängnis.

Das betrifft uns alle. Der Sohn von Dr. Smidt ist heute Therapeut in einer Fachklinik für alkoholkranke Frauen in Höchsten.
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In den Jahren 1954 – 1960 hatten wir 180 Personen in unserer Mitgliederliste. Das waren nicht alles Mitglieder sondern auch Anhänger.

Sehr viele Alkoholiker waren damals zu betreuen. Das Blaue Kreuz ist überkonfessionell und international.

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 Wir hatten zu allen Kirchen guten Kontakt. Sogar Gastwirte respektierten unsere Arbeit, vielleicht weil sie auch ein schlechtes Gewissen hatten, wegen der süchtigen Gäste.

Aber sie freuten sich mit uns, wenn ihre Gäste Hilfe suchten. Einem luth. Pfarrer sagte ich: "Der Alkohol ist weder evangelisch noch katholisch." "Das stimmt!" sagte er, "Der Alkohol ist teuflisch!" Ja der Alkohol verdirbt den ganzen Menschen, wenn der Kontrollverlust da ist. Es geht uns in der Therapie nicht nur um die Trockenheit einer Abstinenz, sondern um die Seligkeit der Seele. Wenn der hlg. Geist dies bewirkt, dann ist der ganze Mensch gerettet. Unsere Väter sagten früher: "Der Weingeist vertreibt den heiligen Geist." Unsere Wochenzeitschrift " Rettung " weist hier auf die Gesundung des ganzen Menschen nach Leib, Seele und Geist hin.

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In der ganzen Gemeinde Westoverledingen und auch über die Grenzen hinaus warteten Menschen in Not und bedurften der Hilfe. Wir als Mitarbeiter haben manche Fehler gemacht, nicht nur an den Betroffenen, sondern auch untereinander, doch wir durften die erstaunliche Erfahrung machen, daß unser Herr auf unseren krummen Linien gerade schreibt.
Dankbar sind wir für alle, die ihr
Fahrzeug diesem Werk des Herrn zur Verfügung stellten.
Im Herbst 1958 hatten wir eine Evangelisation

 

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in der altref. Gemeinde Ihrhove (Frische). Unser Johannes war schon sehr krank und wirkte trotzdem noch mit.

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Er spielte mit seinen 18 Jahren die Orgel und übernahm an einem Abend die Einleitung. Ich entsinne mich auf ein Lied, daß er zu Beginn vorsprach:

Sag, warum noch warten mein Bruder? Steh auf und komm eilend herzu. Dein Heiland ruft dich schon so lange, gern schenkt er dir Frieden und Ruh! Warum, warum, warum willst du nicht Frieden und Ruh? (alle 4 Strophen aus dem Blaukreuz-Liederbuch)

Er sprach so herzbewegend, daß man etwas spürte von dieser Inbrunst. In dieser Woche der klaren Verkündigung sind viele zum Glauben an Jesus gekommen. Vor allen Dingen junge Leute. Ich war von Herzen dankbar.


Im Dezember 1958 mußte unser Johannes

 

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ins Krankenhaus. Als er nach einer Blutübertragung schließlich wieder entlassen wurde, sagte mir der Arzt, daß unser Sohn nur noch 4 bis 7 Monate zu leben habe. Die Diagnose war: Leukämie (Blutkrebs). In der Universitätsklinik Münster ist er dann auch am 04. Mai 1959 heimgegangen. Meine Frau und ich waren dabei. obwohl er nicht mehr bei Besinnung war, gab der Herr ihm – für uns ein Geschenk – noch für eine Minute das Bewußtsein zurück. Mit strahlenden Augen sah er uns an und dann war der Augenblick gekommen, daß der Herr ihn in sein herrliches Reich aufnahm. Unser Herz tat uns weh, aber dankbar waren wir für diesen Augenblick. Ein so reichbegabter Sohn, so früh schon vollendet! Das können wir nicht ergründen, wir können nur vertrauen. Wilhelm Wähling schrieb uns in einem Brief: Unser Herr vergreift sich nicht in der Wahl seiner Wege mit uns, er examiniert nur bei uns, ob es sitzt! Obwohl Johannes sich in Oldenburg bei der PH vormerken lassen hat, hatte die Bundeszentrale des Blauen Kreuzes ihn schon bereits heimlich als Sekretär vorgesehen gehabt.
Es war ein schwerer Schlag für uns.
Auf seinem Grabstein steht das Bibelwort:                           

Gott, dein Weg ist heilig!

Wie hatte der Junge sich für seinen Herrn eingesetzt! Ob das nun die Jugendarbeit war oder die stillen Dienste des Gebetes oder aber auch die Verteilung der Rettung-Zeitschriften.

Ich habe viele Ausarbeitungen und Bibelarbeiten für Gottesdienste und Bibelstunden und Blaukreuzstunden gut gebrauchen können. Es war für mich immer wieder wichtig, daß die frohe Botschaft des Evangeliums unter die Leute kommt, denn ohne Jesus lebt der Mensch am Leben vorbei.

In der Zeit, als unser Johannes noch lebte, bekamen wir den Auftrag, einen Alkoholiker zu besuchen. Das war der Bürgermeister Simon Wever in Flachsmeer. Ich berichte in großer Freude auch in seinem Sinne von ihm. Als ich einmal auf einem Jahresfest seine Geschichte erzählte, war man so sehr beeindruckt, daß man mich gleich bat, doch diese seine Geschichte schriftlich festzuhalten. Der vielen, vielen Dienste wegen habe ich dies versäumt. Ich bin nun aber doch glücklich, daß ich dies nun doch noch tun darf.

 

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Ich kannte Simon von Jugend auf. Seine Eltern wohnten in unserem Dorf in der Ihrener Straße. Er war der erste Bürgermeister nach dem Krieg. Nebenbei hatte er noch eine kleine Landwirtschaft. Ich sah ihn oft den Weg in den Hammrich in die Heuernte gehen. Er mußte dann immer an dem Haus meiner Eltern vorbei. Einmal besuchte ich ihn wegen einer Bauplanung. Wir verstanden uns gut. Seine Sorge war auch die meine. Obwohl ich nicht unmittelbar zu seiner Gemeinde gehörte, habe ich doch von seinem Rat und seiner Hilfe profitiert.
Daß er damals schon Probleme mit dem Alkohol hatte, wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Im März 1959 trat ein entfernter Verwandter an uns heran, der aus diesem Anlaß eine Blaukreuzstunde besuchte. Er bat mich um Hilfe für Simon Wever. Also fuhren wir hin. Als wir die Tür zu seinem Büro öffneten und er uns sah, wehrte er sofort ab: "Goet bloot wegg, jie Beiden, ick will nich int Blaaue Krüz. Nee, Nee, nich mit tain Spann Peer nicht."

Wortlos und enttäuscht gingen wir wieder, wir beide, der Fahrer Ludwig F. und ich. Wir hatten sicher den großen Fehler gemacht, ihn im Büro aufzusuchen, meinten wir. Doch das Elend der Familie Wever hat uns tief bewegt. Wir dachten an die Kinder und an seine Frau. Also beschlossen wir regelmäßig für Simon zu beten. Ob er zu dem jetzigen Zeitpunkt noch nicht tief genug drin war? Es dauerte.

Nach einem Jahr erfuhren wir, daß Simon nun tief, tief drin steckte. Sofort fuhren wir nach Flachsmeer. Und wieder gingen wir ins Rathaus. Zu unserem größten Erstaunen öffnete uns der Bürgermeister selbst die Tür. "Kommt schnell herein," sagte er, "Euch hat Gott geschickt." Er bot uns einen Platz an und hieß die Mitarbeiter ins Nebenzimmer zu gehen. Die wußten sicher sofort, was los war und gingen. Simon wollte mit uns allein sein. Gott hatte den Weg zu seinem Herzen gebahnt. Wir brauchten nicht viel sagen. Er packte aus: "Daß Ihr beide nun in diesem Moment kommt, ist die Antwort für mich, daß Gott mich hört. Ich habe heute Nacht in meiner Angst die Hölle mitgemacht. Das war grausam! Ich spürte, daß der Satan mich fest im Griff hat!"

Ich sagte ihm: "Wo der Teufel selbst nicht herankommen kann, da schickt er seinen Diener Alkohol. Früher sagte man: Alkohol ist des Teufels General." Simon schaute mich an und sagte: "Stimmt ganz genau, Joke, wie sehr habe ich getrunken, und nun möchte ich gerne heraus aus meinem Elend. Dann habe ich heute Nacht in meiner Verzweiflung gerufen zu Gott: Schick mir doch noch einmal die Männer vom Blauen Kreuz! Daß Ihr nun gerade heute hier seid, das ist meine Antwort von Gott."

"Simon," sagte ich "das ist ganz sicher ein Geschenk Gottes und ist darum auch von uns nicht machbar. Er will ja, daß allen Menschen geholfen werde, auch dir! In Psalm 149, 3 steht: Er hilft den Elenden herrlich." Ludwig Freesemann ergänzte noch: "Das ist ein Wort für uns alle!"

Was noch gesprochen wurde gehört in den Bereich der Seelsorge und ist darum geheim. Wir brauchten hier nur zuhören. Er machte seinem Herzen Luft. Er verpflichtete sich, nun keinen Alkohol mehr zu trinken. Auf seiner Verpflichtungskarte stand: Ich will eine Hilfe schaffen dem, der sich danach sehnt.

Auch dies las ich ihm noch vor:

                   Der Herr läßt es dem Aufrichtigen gelingen.

Der Blaukreuzsekretär Ernst Tuschoff sagte einmal:

                   Jede Unaufrichtigkeit bindet unserem Gott die Hände, daß er uns nicht helfen kann.

Simon sagte nur: "Ich unterschreibe mit ehrlichem Herzen!" Und das hat er dann auch getan und seine Verpflichtung hat er gehalten. Dies passierte am 11.03.1960.

Anschließend besuchte er mich oft. Er erzählte davon, wie sehr er unter der Alkoholnot gelitten hatte und wie sehr der Alkohol ihn gequält hatte. Welche Geduld hatte seine Frau mit ihm gehabt. Wie anders war sein Leben nun ohne diese aktive Sucht.

Einmal erzählte er folgendes Erlebnis:

"Gestern hatten wir eine Kreistagssitzung," begann er, "wo ich gleich zu Beginn aufstand und folgende Erklärung abgab: Seit dem 11.03.1960 gehöre ich dem Blauen Kreuz an und habe mich verpflichtet, mit Gottes Hilfe mich aller alkoholischen Getränke zu enthalten.

Du glaubst gar nicht, wie stark der anschließende Beifall für mich war. Der Oberkreisdirektor sprach im Namen aller Anwesenden seinen herzlichen Glückwunsch aus. Seit dem Tage ist nun mein Platz dort stets alkoholfrei."

Simon Wever war ein dankbarer Mitarbeiter. Ich habe mich oft gewundert, wieviel Zeit er noch trotz seiner vielen Verpflichtungen als Bürgermeister von Flachsmeer noch für die Sache Gottes hatte. Ich glaube hier traf für ihn das Wort zu, das er zu sich hat reden lassen: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.

Ich denke für die vielen Menschen, die so tun, als hätten sie nie Zeit gilt wohl das Sprichwort:

                            Wer keine Zeit hat, der tut am wenigsten.

Simon bot mir immer wieder seine Hilfe an: "Wenn du einmal irgendwo hin willst, ich stelle dir gerne meine "Isetta-BMW" zur Verfügung, d.h. ich fahre dich, wohin du willst."

Wie oft sind wir beide unterwegs gewesen, mit unserem "Adventswagen" ! (so nannte man diese Fahrzeuge, weil die Tür nach vorne hin hochgeklappt wurde: Macht hoch die Tür!) Besonders bei Glättegefahr auf der Fahrbahn war das Fahren mit diesem dreiräderigen Gefährt immer wieder ein besonderes Abenteuer. Einmal wären wir fast verunglückt. Auf dem Weg nach Tichelwarf, wo ich in einem Hausbibelkreis eine Stunde zu halten hatte, drehte sich aufeinmal der Wagen und blieb kurz vor der steilen Böschung stehen. Wir waren bewahrt geblieben.

 

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Im Sommer 1961 hatten wir in Ihrhove unser Jahresfest mit dem damaligen Direktor Schreiner. Sein Vortrag hat uns viel zu sagen gehabt. In der Aussprache erzählten viele von der befreienden Gnade Gottes. Sie machten den Herrn, der sie von der Sucht befreit hatte, groß und stellten sich dahinter zurück. Auch Simon hatte nun ein Wort für uns. Das waren nicht nur akustische Worte, sondern auch sein ganzer Ausdruck war eine einzige Rede. Aus seinem Herzen kamen über den Mund Worte des Dankes. Sein ganzer Körper zitterte, aber seine Augen und sein Angesicht strahlte vor lauter Glück und Freude. Er gab ein Zeugnis von Jesus, der ihn aus der Sklaverei und Knechtschaft des Alkoholteufels befreit hatte in die Freude und Frieden und Freiheit der Kinder Gottes durch das Blut Jesu. Welche Dramatik lag in der Erzählung aus seinem Leben: "Einmal bin ich spät aus der Kneipe nach Hause gefahren. Ich torkelte, geriet von der Straße ab, und landete in einem Keller voller Wasser. Dort blieb ich liegen, weil ich nicht in der Lage war, mich selbst zu befreien. Ich lag da in dieser grausamen Grube und wartete, bis es Morgen wurde. Dann kroch ich aus dem Wasser. Einmal fand ich wegen meiner Volltrunkenheit nicht den Weg nach Hause und landete auf dem Friedhof. Dort habe ich die ganze Nacht zwischen den Gräbern geschlafen. Gerade in dieser Nacht," sagte er, "bin ich zur Einsicht gekommen! Mit der Kraft Gottes habe ich ein neues Leben begonnen."

Nur zwei Jahre hatte Simon dann noch zu leben. Er hatte Krebs. Am 14. Juni 1962 ist er heimgegangen. In den Frieden hinein. Ich durfte, bevor wir die sterbliche Hülle zum Friedhof brachten, im Trauerhaus eine Trauerandacht halten. Ich las aus dem Römerbrief im achten Kapitel von Vers eins an.

Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben.

Wir haben zusammen mit seiner Frau und Verwandten getrauert, doch dies nicht ohne Hoffnung.

---- " Zur Ehre des Erretters!" ----

Simon hatte Familie Ollig Vehndel, Ihren, ein Gedicht als Erinnerung hinterlassen, das er durchlebt und dann aufgeschrieben hat.

             

              Tragkraft!

              Vor dem Stationsgebäude, einsam auf der Bank ich saß,

              um die Wartezeit zu kürzen, ich in einem Büchlein las.

              Dann und wann hob ich die Blicke, viel zu sehen gab's nicht hier.

              Nur ein leerer Güterwagen stand auf dem Gleis vor mir.

 

              Doch auf einmal blieb mein Auge daran haften wie gebannt;

              Tragekraft einhundertdreißig Zentner, hieß es an des Wagens Rand!

              Und die harmlos kurze Aufschrift, schreckte mich aus meiner Ruh.

              Eine Frage mich durchzuckte: Wie viel Tragkraft, Herz, hast du?

 

              Wie viel Tragkraft für des Lebens Müh' und Kampf und Weh' und Leid?

              Wie viel Tragkraft für Erkennung, Härte, Ungerechtigkeit?

              Für ein lieblos Wort, ein Lächeln für den Spott und Hohn der Welt?

              Wie viel Tragkraft für den Nächsten, wenn er strauchelt oder fällt?

             

              Es war in der Minute ernster Selbstprüfung mir klar:

              Mir oft Tragkraftmangel Ursache meiner Niederlagen war.

              Und aus meiner tiefsten Seele, stieg ein Seufzer himmelwärts:

              Vater, rüste Du mit Tragkraft, Deines schwachen Kinderherz.

 

In den Jahren 1955 - 1963 hatten wir in Papenburg durch die Familie Gravemeyer (Tini Gravemeyer ist meine Schwester) einen Blaukreuzverein. Zu diesem Verein gehörten auch einige Blaukreuzmitglieder, die vormals schwer abhängig gewesen waren. Einen davon möchte ich gerne nennen: Bernhard Jakobs, den ich so ganz besonders gern hatte.

Wir hatten in Papenburg schöne, gesegnete und gute Stunden. Auch die Beteiligung war gut. Als dann jedoch die Fam. Gravemeyer ihren Wohnort aus dienstlichen Gründen wechseln mußte und von Papenburg nach Steenfelderfeld zogen, mußte der Verein dort aufgelöst werden. Auch heute noch finden bei Fam. Gravemeyer noch die Bibelstunden statt.

                                                                                                            

 

In den Jahren 1960 - 1970 hatten wir durch den damaligen Pastor Küttner in Ostrhauderfehn (Schwiegersohn von Pastor Hans Bruns) Gelegenheit, Einsatzdienste in der Strafanstalt Lingen und Versen auszuführen, in dem wir den Inhaftierten die frohe Botschaft des Evangeliums brachten.
80 % der Insassen waren durch den Alkohol straffällig geworden. Unsere Botschaft wurde abgenommen. Es war dort eine schöne Blaukreuzstunde. Am ersten Nachmittag haben sich rd. 35 Männer verpflichtet, sich dem Alkohol zu entziehen.

Wir waren nicht "trocken" zu den Strafgefangenen gekommen, wir hatten Tee und Kluntje mit. Am Schluß hielten wir dann noch eine Andacht. Weihnachten 1963 baten uns dann während eines Besuches zwei Männer, sie doch bei uns aufzunehmen, weil sie keine Zuhause hätten. Dr. Smidt und wir nahmen sie auf. Einer davon hielt es nicht lange aus. Er machte sich auf und davon.

Mit dem anderen haben wir noch heute Kontakt. Er lebt in Oldenburg und besucht uns hin und wieder.

 

                                                                                                            

 

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Nun möchte ich noch gerne einen Mann nennen, der durch den Alkohol schier am Ende war: Tjako Bruns aus Weener. In den Jahren 1956 - 1958 kam er zu uns zu einer Evangelisation in der Gaststätte Jakobs in Großwolderfeld mit dem Pred. Bernhard Fokken. Einige Brüder aus Weener haben sich um ihn gekümmert.

Tjako
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ist zum Glauben an Jesus Christus gekommen und hat dann eine Enthaltsamkeitsverpflichtung unterschrieben und gehalten. Er war dann im südlichen Rheiderland recht aktiv und hat sich dann für andere Betroffene eisern eingesetzt.

Einmal waren Tjako und seine Frau da zur Blaukreuzstunde, die der Landessup. Dr. Nordholt hielt. Nach seinem bibl. Vortag gab es dann Tee.  - - - Diese familiäre Zusammengehörigkeit in gemütlicher Runde ist ja so wichtig. - - -

Ich fragte Tjako: "Hast du noch ein Wort für uns?"

Spontan stand er auf und sagte auf seine Art und Weise: "Wir müssen uns alle zu Jesus hinwenden und bekehren, sonst werden wir nicht gerettet! Alle , alle, der Pastor auf der Kanzel und der Bauer auf seinem Misthaufen!"

Eine Woche später verunglückte Tjako in Holland mit seinem Pkw tödlich. Seine Frau überlebte die schweren Verletzungen und lebt noch heute in Weener.

 

                                                                                                            

 

Erwähnen möchte ich noch kurz, daß in den Jahren 1963 / -- der Bruder Wolfgang Dyk hier bei uns war. Er hatte eine schwere Vergangenheit hinter sich und war oft straffällig geworden. Über 10 Jahre war er im Knast gewesen. Dort hatte er sich das Leben nehmen wollen, doch der Wärter hat ihn noch gerade früh genug gefunden, als er in seinem Blut lag.

Anschließend durfte er im Krankenhaus genesen. Schließlich hat ihn anschließend die Heilsarmee in Hamburg aufgenommen. Er übergab sein Leben Jesus Christus. Dann zog er zusammen mit den Leuten von der Heilsarmee durch die Straßen Hamburgs, auch auf die Reeperbahn, und verkündigte diesen Herrn.

 

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Ich lernte ihn in Melsungen kennen, wo ich damals zur Kur war, als er in der freien Gemeinde dort seinen Dienst tat. Ich weiß noch heute den Text der Bibel:

Johannes 21, 10 - 12 : Bringet her die Fische, die ihr jetzt gefangen habt! Und Simon Petrus stieg hinein und zog das Netz an Land voll großer Fische:  153 Stück.

Ich glaube, dieser Text passt genau zu dem eingangs aufgeführten Text und zu dem Inhalt meiner Ausführungen.

Auf unsere Einladung hin, war er in unserer Gemeinde und hat dann in zwei Gaststätten seinen Verkündigungsdienst getan.
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Bestimmt hat er damals schon, als er bei uns war gespürt, daß er nicht mehr lange zu leben hatte und daß der Herr ihn bald abrufen würde. (mehr in seinem Buch: Vom Knast zur Kanzel.)

 

                                                                                                            

 

In Westrhauderfehn lebte ein Bauer, dessen einziger Sohn abhängig war. Brd. Johann Luikenga, der inzwischen frei geworden war, hat ihn besucht. Er hat es dann auch einige Jahre geschafft. Er war Periodentrinker. Jedoch:  Rückfall ist ein böser Gast!

 

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Dreizehn Jahre hatten wir ihn betreut. Mal war er trocken, mal war er wieder drin. Seine Frau und seine Kinder hielten es nicht mehr bei ihm aus. Im März 1977 war er wieder einmal betrunken und schaffte es nicht mehr nach Hause zu kommen. Er legte sich bei 8° Grad Frost betrunken nieder und schlief ein. Als man ihn fand und ins Krankenhaus bringen wollte, war er bereits tot.

Wie begabt war er gewesen! Welch ein lieber Mensch!

Ich dachte an Pastor Immers Worte: Mit wehenden Fahnen gehen sie unter, aber wir wollen hoffen, daß sie selig werden.

 

 

Ja, viele Menschen, die bei uns waren oder mit denen wir Kontakt hatten sind nun inzwischen schon von uns gegangen. Da denke ich an die Geschwister

Hanne und Mariechen Willms, sie sind nun schon rund drei Jahre beim Herrn. Sie haben für die Arbeit des Blauen Kreuzes immer wieder ihre Hände gefaltet. Ferner haben sie ihre Wohnung zur Verfügung gestellt, damit die frohe Botschaft weitergegeben werden konnte. Viele Menschen sind gesegnet worden. Anni Drath ging vor ca. zwei Jahren heim

 

Im Jahre 1964 war bei uns in Ihrhove eine Zeltevangelisation

 

 

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mit Pastor Johannes Hanssen. Von nah und fern kamen die Menschen, um diese Botschaft zu hören. Auch vom CVJM Jemgum kamen einige junge Männer, die wir dann noch zum Tee nach uns hin einluden. Somit lernte der

 

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