eine Angehörige berichtet....

Zurück zur Seite 'Hilfe ist möglich'...

Bild 

Ich lernte loszulassen, ohne ihn aufzugeben...

 

Hilfe ist möglich! Das habe ich erfahren, sagt die Ehefrau eines Suchtabhängigen, der inzwischen trocken ist. Ihren Leidensweg als Angehörige hat die 46jährige aufgeschrieben:

Bei uns zu Hause war alles zerstört, da mein Mann mit dem Trinken nicht mehr aufhören konnte. Er zog sich aus der Verantwortung immer weiter zurück, und nach und nach habe ich seinen Platz in unserer Familie mit übernommen. Ich wollte es lange nicht wahrhaben, daß er alkoholkrank war. Zum großen Teil sah ich den Grund für sein Trinkverhalten darin, ihn noch immer nicht genug zu ieben. Um ihm das Leben noch angenehmer und bequemer zu machen, begann ich mehrere Jobs, damit er sich keine Sorgen mehr machen müßte, was ihn nach meiner Meinung dazu bewegen würde, doch endlich mit dem Trinken aufzuhören, hatte ich doch alles im Griff. Ich hoffte vergeblich.

Meine übergroße Aufopferung für meinen Mann und für die Familie brachte mir viel Anerkennung ein und das tröstete mich. Ich dachte bei mir: Nun versorgst du den gesamten Haushalt, bist allein für die Kindererziehung zuständig, versorgst deinen alkoholkranken Ehemann.

Nun braucht er doch nicht mehr zu trinken! Alles tat ich für ihn- doch es war zwecklos. Ich schaffte es nicht, ihn vom Trinken abzuhalten. Es ging bergab - auch finanziell. Die Kinder litten darunter, daß ihnen der Vater mehr und mehr fehlte, alles in der Familie drehte sich nur noch um ihn, den alkoholkranken Ehemann und Vater. Ich beschäftigte mich nur noch mit ihm und vergaß mich dabei. Meine Gedanken und mein ganzes Leben drehten sich nur noch um ihn. Was konnte ich nur anstellen, damit er nicht mehr Trinken braucht.

Irgendwie spürte ich, daß ich dabei auf der Strecke blieb und am Ende selbst kaputt gehen würde. In meiner großen Verzweiflung habe ich mich dann an eine Beratungsstelle für suchtabhängige Menschen gewandt, um dort zu erfahren, wie ich es nur fertigbringen könnte, meinen Mann vom Alkohol loszubekommen. Zu meinem Frust kam nun noch hinzu, daß man mir dort sagte, ich könne nichts für meinen Mann tun. Vielmehr müsse ich zuerst etwas für mich tun und mich ändern. Das sollte ich nun verstehen: Ich wollte doch Hilfe für meinen Mann erbitten und nicht für mich. Ich war doch nicht krank, sondern mein Mann. Warum denn dann mein Leben ändern? Es war schwer einzusehen, daß ich krank war in dieser Beziehung und zum Co-Alkoholiker geworden war. Heute weiß ich, daß nicht nur der Betroffene, sondern die ganze Familie krank wird, wenn jemand abhängig ist. Nun ging ich weiter zur Beratungsstelle, um mehr über die Sucht und ihre Folgen und über meine Beziehung dazu zu erfahren. Das tat mir gut. Ich konnte mich wieder selbst wahrnehmen und versuchen, mein eigenes Leben neu zu entdecken. Ich fing an zu leben und konnte meinen Interessen nachgehen; konnte meinen Mann in seinem Suchtverhalten mit seinem Alkohol alleine lassen.

Er war ja sowieso nur noch mit der Flasche verheiratet. Es interessierte mich nicht mehr, ob und wieviel mein Mann trank und wo er seinen Stoff versteckte und wie er Nachschub bekam. Ich lernte ihn loszulassen, ohne ihn aufzugeben. Dieses neue Verhalten war für meinen Mann nun total unverständlich, und er wurde völlig haltlos, bis sein Zustand so schlimm wurde, daß er nicht mehr weiterwußte.

Heute weiß ich, daß dieser Punkt, wo wir beide nicht mehr weitergewußt haben, der Beginn eines neuen Lebens wurde. Mein Mann entschloß sich, sich einer Entgiftung im Krankenhaus zu unterziehen. Mit Gottes Hilfe gelang es ihm, vom Alkohol loszukommen. Gemeinsam schlossen wir uns dem Blauen Kreuz in Ihrhove an, um an uns weiter zu arbeiten. Hier haben wir viel gelernt. Gesundheitlich und auch finanziell ging es nun wieder bergauf. Wir sagen heute nach zehn Jahren Abstinenz, daß wir das alles ohne Gott und seine Hilfe nicht geschafft hätten. Auch die Gruppe hat uns sehr geholfen. –db-

 

 

 

Hilfe für Ko-Alkoholiker


In Deutschland gibt es etwa drei Millionen Alkoholabhängige. Rechnet man direkt (Familie) oder indirekt (Arbeitsplatz) nur vier Personen hinzu, die mitleiden, dann kommt man auf über zwölf Millionen Betroffene. Die meisten von ihnen sind so genannte Ko-Abhängige. Denn das Leben mit einem Suchtkranken kann selbst zum Opfer machen.

Alkohol und Ko-Abhängigkeit
Alkoholabhängigkeit fällt nicht vom Himmel. Ihre Entwicklung benötigt geraume Zeit, bevor sie für Familie, Freunde und Arbeitskollegen zu einem wahrnehmbaren Problem wird. Die Angehörigen durchlaufen einen Veränderungsprozess, dessen Phasen mit denen der Entwicklung des Alkoholabhängigen vergleichbar sind. Ähnlich wie der Suchtabhängige entwickeln auch die Angehörigen - die Ko-Abhängigen - bestimmte Abwehrmechanismen, mit denen sie sich vor emotionalem Schmerz schützen. Sie machen gemeinsam mit dem Abhängigen eine Entwicklung zur Abhängigkeit durch Verdrängung und Verleugnung durch.

Ko-Abhängigkeit
Das Verhalten, das die Sucht unterstützt, beginnt kaum wahrnehmbar. So wie der anfängliche Alkoholgenuss des Alkoholikers zunehmend in Betrunkenheit endet, kann der Ko-Abhängige sich immer häufiger dabei beobachten, wie er Angehörigen, Arbeitskollegen und Freunden gegenüber Erklärungen und Entschuldigungen dafür abgibt. Ein entscheidender Schritt zur Übernahme der Rolle des Ko-Abhängigen ist getan, wenn der Angehörige zum ersten Mal "beschließt", irgendeine der Verantwortlichkeiten des Abhängigen zu übernehmen. Das befreit den Abhängigen von der Last, sich um seine Pflichten zu kümmern. Das erspart ihm gleichzeitig die Konsequenzen, die seine Unzuverlässigkeit ohne die Hilfe des Angehörigen (oder auch Kollegen) nach sich ziehen würde. Diese "Hilfe" verhindert Krisen, die dazu führen könnten, den Abhängigen zu einer Veränderung seines Verhaltens zu bewegen.

Die Sucht, gebraucht zu werden
Die Partnerinnen von Alkoholikern entwickeln oft besondere Stärken und Fähigkeiten. Jetzt können sie zeigen, was sie alles leisten können. Das bestärkt sie in der Rolle der Verantwortlichen. Ko-Abhängige beziehen häufig ihren Selbstwert in abhängiger Weise daraus, sich um andere zu kümmern, für sie verantwortlich zu sein.

Was der Alkohol für den Alkoholiker, das ist für die Partnerin der Suchtkranke. Irgendwann dreht sich ihr ganzes Denken, Fühlen und Handeln um den Suchtkranken:

Um die Schuldgefühle und ihren Hass auf sich selbst ertragen und weiterhin alle Pflichten erfüllen zu können, muss die Angehörige etwas tun. Sie tut das gleiche wie der Alkoholiker: Sie baut ihre Abwehrmechanismen aus, stellt ihre Gefühle ab. Beispiele für typische Regeln, die zur Entwicklung von Co-Abhängigkeit beitragen: Man spricht nicht über Probleme, Gefühle werden nicht offen gezeigt. Unter einer Oberfläche, die glücklich und erfolgreich aussieht, verbergen sich Gefühle der Angst und Schuld, der Verletzung, Wut, Ohnmacht und Einsamkeit.

Zur emotionalen Belastung kommt die wachsende Anstrengung, "alles in den Griff" zu bekommen, die bis zur körperlichen und seelischen Erschöpfung und zu psychosomatischen Erkrankungen führen kann. Gleichzeitig erleben die Betroffenen, dass es ihnen trotz aller Anstrengungen und Aufbietung von Willenskraft nicht gelingt, die Sucht des Partners unter Kontrolle zu bringen. Das ist mit einem tiefen Gefühl von Ohnmacht und Wertlosigkeit verbunden.

"Wer etwas ändern will, der fange am besten bei sich selber an!", lautet ein alter Spruch. Er gilt besonders im Bereich der Sucht. Es heißt, Ko-Abhängige seien noch schwerer für eine Therapie zu gewinnen als Alkoholabhängige. "Ich brauche keine Therapie! Mein Partner trinkt doch!", wehren sie ab. Gleichzeitig sind sie "ausgepowert", fühlen sich leer und sind betäubt von dem Gefühl, selbst an allem schuld zu sein.

Wegsehen und bagatellisieren sind ko-abhängige Verhaltensweisen. Sie schützen den Betroffenen davor, frühzeitig die volle Wirkung des Alkoholismus und die damit verbundenen Konsequenzen direkt zu erfahren.

Also:

  • Abhängige nicht decken.
  • Keine Fehler ausgleichen.
  • Nicht entlasten.
  • Nicht entschuldigen.
  • Ausfälle nicht bagatellisieren.
  • Besserungsgelöbnisse nicht akzeptieren!
  • k