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...bis der Alkohol euch scheidet!

Traueransprache von Pastor Claus Dreier anlässlich einer Beerdigung ,
Steenfelde, 13. Juli 2004

 

Liebe Freunde und Weggefährten von Heiner B., liebe Trauergemeinde,

 

schon so lange habe ich nicht mehr mit Heiner gesprochen. Es gab Zeiten, da war das anders. Manchmal habe ich mir den Mund fusselig geredet und dann gab es auch Zeiten, in den wir uns richtig unterhalten konnten. Wenn Heiner erzählte von früher - und manchmal selber den Kopf schütteln musste über soviel Dummheit und Leichtsinn - und wenn ihn das Leid anderer berührte, das er selber mit verursacht hatte - dann war es gut, darüber nicht zu schweigen.

 

Und nun habe ich schon so lange nicht mehr mit ihm gesprochen.

Darum möchte ich es heute - vor euch - noch ein letztes Mal tun:

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Als ich gehört habe, dass du gestorben bist, Heiner, - da warst du plötzlich wieder mitten unter uns. So sehr du dich auch in den letzten Jahren von uns entfernst hattest - so stark war plötzlich das Gefühl für dich. Und das war wohl bei vielen, die heute von dir Abschied nehmen, so: wir trauern um dich.

 

Wir trauern um einen Menschen, der unter uns keine Zukunft mehr hatte.

Denn die war für dich längst vorbei. Und wir haben es nicht geschafft, mit dir unser Leben zu teilen, so wie wir das früher taten.

 

Zwischen uns drängte sich damals langsam wieder der Alkohol und dann deine Scham und unsere Angst -

Nicht, dass wir nichts versucht hätten, für dich zu tun, dich zu überreden, zu motivieren, doch wieder in Therapie zu gehen - mit Menschen und Engelszungen, wie man sagt, aber vielleicht doch nicht genug, immer zum falschen Zeitpunkt, zu früh resigniert - jedenfalls ist da auch dieses Gefühl, vielleicht eben nicht alles getan zu haben, nicht genug gerungen zu haben mit dir um dich.

 

Dass wir heute hier sind, ist aber nicht Ausdruck von Schuldgefühlen, sondern wir sind gekommen, weil für uns, die wir unser Leben mit dir geteilt haben, diese Zeit wertvoll war.

 

Es war manchmal schwer mit dir. Aber es war - für mich und unsere Familie gesprochen - auch lange schön, dass du da warst.

Wir haben uns gefreut an deinem Leben ohne Alkohol. Deiner Freude am Garten, an deinem Humor und deiner Leidenschaft für Bratkartoffeln.

 

Wir erinnern dich mit deiner blauen Pudelmütze und der Pfeife im Mund, Piepke! An deinen Auftritt beim plattdeutschen Theaterstück - deine Hilfsbereitschaft - deine Liebe zu den Kindern -

 

Deine ehrfurchtsvollen Blicke auf unsere kleinen Babys, als Dirk und dann Hannes geboren wurden. Bei uns hättest du auch gerne Kind sein mögen - hast du gesagt.

 

Für uns hast du zur Familie gehört. Und immer wenn die Heilige Nacht anbricht, werden wir an die Jahre denken, als du dabei warst, wenn sich die Tür zum Weihnachtszimmer öffnete, und wir es sehen konnten, wie sich die Botschaft dieses Kindes im armseligen Stall in deinen Augen spiegelte: “...auch wer zu Nacht geweinet, der stimme froh mit ein...”

 

Wir haben Dir vertraut, dir das Haus, die Kinder anvertraut - und gespürt, wie stolz du warst. Das hat dir gut getan. Wir sind dankbar für die Zeit mit Dir.

 

49 Jahre alt bist du geworden. Was hast du aus deinem Leben gemacht? Was war möglich?

Im Alter von 2 Jahren starben deine Eltern bei einem Unfall - aber in der Familie deines Onkels bist du wie ihr eigenes Kind aufgewachsen. Und dien Oma hett di leep verwennt -

 

Du bliebst aber immer ein Schwacher, einer, der nicht so viel konnte als andere, der nicht so schnell war im Verstehen, der sich duckte und doch alles abbekam, was andere an Wut, Demütigungen und Gehässigkeit verschleuderten. Schon früh warst du Opfer und Sündenbock für andere.

 

Ich weiß nicht, ob du das auch alles ohne Alkohol ertragen hättest.

 

Der Unfall 1973 hätte dich beinahe das Leben gekostet und war Ursache für epileptische Anfälle.

Du hast dich mitziehen lassen - nicht von Freunden, sondern von solchen, die dich ausgenutzt und dir wehgetan haben. Gewalt, Schlägereien und immer wieder Alkohol standen auf der Tagesordnung -

Du hast einstecken müssen - aber dann auch gelernt, deine Wut, deine Frustration rauszulassen. Sie traf im Rausch andere, die noch schwächer waren. Sie hat einen Menschen das Leben gekostet.

 

Dafür bist du ins Gefängnis gegangen. Das war eine gute Zeit, hast du gesagt. Vielleicht, weil du gelernt hast, wie du wirklich bist und sein konntest.

 

Deine Geschwister, deine Familie, wir, die wir dich gekannt und dein Leben mit dir geteilt haben, konnten in Dir immer mehr sehen, als andere, die nur die spektakulären Schlagzeigen in der Presse verfolgt haben. Wir sahen in dir mehr, als den schwachen Menschen, der so gerne stark gewesen sein wäre.

Wir begraben heute einen Bruder, Onkel und Freund. Den Menschen Heiner B.

 

Und nun wissen wir, wo du bist. Nun ist es vorbei mit allem, was dir wehgetan hat. Nun kannst du aufatmen -

Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig. Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich auf Händen tragen - und das wird dir gefallen!

 

Ich weiß nicht, ob es im Himmel Bratkartoffeln gibt, aber du wirst so oder so keinen Hunger mehr haben. Denn nun bist du eingetaucht in die Liebe Gottes. Nun umgibt dich Wärme und Licht. Nun liegt die Entscheidung, ob du gesund werden willst, nicht mehr bei dir!

 

Die Theologie war dir immer zu hoch - aber dieses Bild vom Engel, der dich in den Arm nimmt und zu dir sagt: “Heiner B. - wir gehen jetzt”, das wirst du verstanden haben.

So, wie es im Neuen Testament heißt:

“Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß.” Lukas 16,20f

 

In der Einsamkeit deines Sterbens, Heiner, - und in der Verlassenheit deines Todes war Christus dir ein Bruder. Und nun wirst du mit ihm leben, geborgen in der Liebe Gottes.

 

Liebe Freunde,

wir begleiten Heiner auf diesem letzten Weg und erinnern sein Leben, seine Glück, sein Leid und auch seine Irrwege. Wir erkennen, welche Liebe in seinem Leben gewirkt hat und welches Leid.

 

Und wir dürfen erkennen: Ohne Liebe wäre alles nichts gewesen.

Das Leben, sein Wert, seine Würde bleibt geborgen in der Liebe, geborgen in Gott.

 

Und in diesem Vertrauen auf Gott, der unser Leben zum Ziel führt und der bei uns ist im Leben und im Tod, in diesem Vertrauen bitte ich Sie und Euch jetzt, JA zu diesem Tod zu sagen und Heiner  B. in Frieden loszulassen.

Wir befehlen ihn und alle, die um ihn trauern, in Gottes Hand.

 

“Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.

Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.”

 

So wollen wir weiterleben:

im Namen des Herrn, der uns das Leben gegeben hat und zu dem es zurückkehrt, der uns die Fehler in unserem Leben, der uns unsere Schuld vergibt, und der mit seinem Geist die Trauernden zum Leben zurückführt. Im Namen des Vater, der Sohn und der Heiligen Geist. Amen

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