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"Sauf Dich zu Tode!"

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Zu Ihnen redet ein Mensch mit weichen Knien und einem Kloß im Hals, der vor Gott und aller Welt offen bekennt:

Ich bin Alkholiker!

 

Lange Zeit ist es mir schwer gefallen, dies zuzugeben. Aber es ist der einzige Weg, diese Krankheit zu beherrschen.
Es ist eine Krankheit, die jeden treffen kann- auch Sie! ...Ihren Mann, Ihre Frau, Ihre Mutter, Ihren Vater, Ihre Tochter, Ihren Sohn, ihren Onkel, Ihren Freund, Ihren Arbeitskollegen, Ihren Chef - jeden!
Die Krankheit macht vor dem Politiker, vor der Ärztin, vor dem Piloten ebenso wenig Halt wie vor dem Bauarbeiter oder der Sekretärin.Und sie ist unheilbar! Wer sie hat, der hat sie - ein Leben lang. Und wer das nicht glaubt, kann es ausprobieren. Ich habe das auch jahrelang nicht geglaubt
- und immer wieder ausprobiert.
- Ich habe versucht, nur fünf Tage in der Woche zu trinken und zwei Tage Pause zu machen. Es ging schief.
- Dann habe ich versucht, fünf Tage Pause zu machen und nur zwei Tage zu trinken. Ich ließ die erste Ausnahme zu, und damit gingen alle guten Vorsätze in die Hose.
- Ich habe im Verlauf von vier Jahren vielleicht 20 oder 30 Entzüge zu Hause allein durchgestanden. Ich lag mit Schweißperlen auf der Stirn zitternd nachts im Bett und hatte Todesangst.
- Meine Gedanken kreisten immer nur um einen einzigen Gegenstand: die Flasche. So lange, bis ich ausdem Bett aufgestanden war und sie geöffnet hatte. Wer alkoholkrank ist, der muss trinken. Das hat nichts mehr mit dem Willen zu tun. Denn das ist eine Krankheit.
- Ich brauchte immer mehr von dem Teufelszeug, um arbeiten und - wie ich damals noch glaubte - um überhaupt leben zu können.
- Ich hatte Schuldgefühle gegenüber meiner Lebensgefährtin und gegenüber meinem damals zweijährigen Sohn. Ich stand auf der vorletzten Sprosse der Leiter, die da endet, wo Sie mit Recht auch die Alkoholiker vermuten: Die Penner auf der Parkbank oder am Bahnhof Zoo in Berlin, heruntergekommen, dreckig, besoffen, willenlos...

Manch einer muss die letzte Sprosse der Leiter hinunterfallen, um alles zu verlieren - Familie, Arbeit, Wohnung, Geld, Freunde - einfach alles, um dann endlich zu begreifen: Entweder Du änderst Dein Leben oder Du landest in der Klapsmühle oder auf dem Friedhof.
Ich habe mich damals vor über acht Jahren für das Leben entschieden. Ich habe kompromisslos Ja" zum Leben und "nein" zum Alkohol gesagt. Ich habe mein Leben geändert. Und das geht nicht so, dass man so weiterlebt wie bisher und nur nicht mehr trinkt. Ich habe im Jüdischen Krankenhaus in Berlin eine Therapie gemacht. Über meinem Bett hing der Spruch: Heute ist der erste Tag vorn Rest meines Lebens."Ich habe irgendwann - und das sage ich hier ganz bewusst - mit der Hilfe Gottes einen Weg aus dieser Hölle gesucht und dann auch gefunden. Ich war 20 Jahre nicht mehr in der Kirche - und habe plötzlich wieder beten gelernt. Ich habe aufgehört, mich selbst zu bedauern, mich und meine Umgebung zu beschwindeln, habe aufgehört, mir etwas vorzumachen, habe angefangen, ehrlich zu mir zu sein, etwas für mich zu tun, ganz allein für mich.
Und genau das mache ich jetzt auch!
Wenn ich hier mein Innerstes vor Ihren geistigen Augen nach außen stülpe, dann tue ich das nicht, um Sie vielleicht zu schockieren oder Ihr Mitleid oder vielleicht Ihre Bewunderung zu wecken.
Nein! Ich tue dies in erster Linie erst einmal für mich. Ja, für mich! Weil ich nur gesund bleiben kann, wenn ich offen über diese Krankheit Alkoholismus rede. Wenn ich öffentlich zugeben kann, dass ich dem Alkohol gegenüber machtlos bin und mein Leben nicht mehr meistern konnte. Und weil ich nur gesund bleiben kann, wenn ich weiterhin das erste Glas stehen lasse - nur so habe ich nämlich keine Probleme mit dem zweiten.
Gegen diese Krankheit anzukämpfen, es allein schaffen zu wollen, ist der falsche Weg. Ich habe gelernt, dem Alkohol gegenüber zu kapitulieren, weil er stärker ist als ich, Kämpfen heißt immer gewinnen oder verlieren - und verlieren will ich nicht mehrUnd wenn ich das so offen bekenne, dann geht es mir gut dabei, dann hilft es mir, gesund zu bleiben. Und im Grunde helfen Sie mir, die Sie das lesen und mir zuhören, auch dabei, Sie alle. Und dafür danke ich Ihnen.
Vielleicht habe ich den einen oder anderen von Ihnen mit meinem offenen Bekenntnis angesprochen, ihm Mut gemacht. Und wenn ich nur einen einzigen erreicht hätte, wäre das schon viel. Ich glaube nämlich, dass es keinen unter uns gibt, der nicht mindestens einen kennt, der mit dem Alkohol Probleme hat. Von daher sind wir alle Betroffene. Und wenn Sie jetzt innerlich den Kopf schütteln, weil Sie meinen, keinen zu kennen, dann muss ich Ihnen widersprechen: Einen kennen Sie jetzt doch - mich!
Ich war nicht allein betroffen, meine Lebensgefährtin und mein Sohn waren es auch. Denn wer in einer Familie lebt,
in
der ein Mitglied alkoholkrank ist, der wird selbst auch krank:
Das fängt schon damit an, dass es immer wieder etwas zu vertuschen, zu verheimlichen gibt, dass es Lügen und Notlügen gibt. Wenn Sie so wollen, schafft es der Teufel Alkohol, dass die Betroffenen, wenn es ganz schlimm kommt, hemmungslos gegen alle zehn Gebote Gottes verstoßen. Die Trinker wie die Angehörigen. Das beginnt mit dem Sichabwenden von Gott, geht über Stehlen, Lügen, Sexausschweifungen bis hin zum Selbstmord oder gar Mord.
Mir hat vor wenigen Monaten ein Bekannter erzählt, dass er nach 25 Jahren von seiner Frau und seiner Tochter erfahren hätte, dass beide den trinkenden Ehemann bzw. Vater in seinem Vollrausch umbringen wollten. Das Messer hätte sie ihm schon an den Hals gesetzt, sich aber zum letzten Schritt doch nicht getraut. Das alles kann Alkohol bewirken.
Was macht aber eine co-abhängige Ehefrau mit ihrem saufenden Mann oder ein Mann, dessen Frau Alkoholikerin ist? Wie geht der Partner mit den ständigen Versprechungen, die immer wieder gebrochen werden, um? Wie lange will er sein Leben noch wegwerfen, nur weil der andere trinken will? Wie ist das mit der Nächstenliebe, mit dem Mitleid, dem Verzeihen, dem Trösten, dem Für- den- anderen- Dasein? Wie lange hält man das aus? Kommt man da als Christ nicht arg in Konflikt? Muss ich zu meinem Partner halten, ihn wieder aufnehmen, ihm verzeihen - auch schon der Kinder wegen? Aber fragt man sich nicht auch gleichzeitig: Wie lange muss ich mich noch demütigen und an der Nase herumführen lassen? Ich kann und will hier keine Rezepte geben. Ich kann auch nur von mir sprechen. Und ich weiß: Für einen Alkoholiker, der noch trinkt, wird immer die Flasche an erster Stelle stehen - vor allen Pflichten, vor der Arbeit, vor der Familie, vor der Liebe. Und wenn die Liebe zur Flasche stärker ist als die Liebe zum Partner, dann muss es eine Entscheidung des Nicht-Abhängigen geben - auch wenn sie schmerzlich ist. Können Sie sich vorstellen, dass jemand aus Nächstenliebe den anderen fallen lässt? Ihm sagt: Ich verlasse Dich - in der Hoffnung, dass dann der Leidensdruck so stark wird, dass der andere endlich begreift, endlich zur Besinnung kommt, etwas für sich tut?
So war das bei mir. Niemand kann aus Liebe zum Partner aufhören zu trinken , weil er beim ersten Streit mit dem anderen sofort wieder einen Grund hätte, erneut zur Flasche zu greifen. Aber ich habe damals begriffen: Wenn ich es für mich, tue, für mein Leben, und wieder Frieden mit Gott mache, meine Wurzeln wieder suche, meinem Leben wieder einen Sinn gebe, dann kann das eine Basis für einen Neuanfang sein.

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"Trocken"oder "Naß"?

Glauben und Sucht - für viele zwei gegensätzliche, einander ausschließende Begriffe. Entweder man sucht; dann ist man unsicher, noch nicht angekommen. - Oder man glaubt; dann steht man fest, hat erreicht. Entweder man ist süchtig; aber dann glaubt man nicht (richtig). - Oder man ist gläubig; aber dann ist man auch nicht mehr süchtig. So denken wir... und ordnen ein und werfen raus. Und bitte, wir konnten das beweisen. Wir kennen sie doch: Der Süchtige, der gar nicht glauben will. Oder andererseits: Der Gläubige, frei geworden; jetzt nur noch "süchtig" nach Jesus. (Und das darf er, damit wird er in christlichen Kreisen dann auch gerne anerkannt und angenommen.) Unsere Erfahrung lehrt uns: So kann es sein. Die Sucht nach Alkohol - plötzlich und dauerhaft weggenommen. Für alle: Helfer, Therapeuten, Familie und den Süchtigen selbst - der einfache, zeitgemäße und von Gesellschaft und oft auch Gemeinde geforderte Weg. Aber unsere Erfahrung lehrt uns auch: Der Gläubige bleibt nicht nur süchtig, sondern wird oft auch wieder rück- fällig. Der Glaube zu klein, der Wille zu schwach -die Hilfe zu gering? Der Sucht glauben, die uns zerbrechen läßt am Einerseits: "Allein schaffst du es nie!" und am Andererseits: "Du bist immer nur allein!"? Oder doch nur die Erfahrung, daß Glaube nicht automatisch "trocknet"?Die Bibel spricht über Glaube und Unglaube; an einer Stelle (Römer 3,3) fragt sie uns: "Hebt etwa ihr (oder auch 'Ihr') denn Gott fragt schon persönlich) Unglaube den Glauben Gottes auf?" Nein, das tut er nicht. Mein Unglaube, egal ob gegen mich oder andere, "Trockene" oder "Nasse", hebt den Glauben Gottes an mich, die anderen - "trocken" oder "naß" - nicht auf. Und der Glaube wird da zum Geschenk, wo uns klar wird: 'Gott glaubt an mich'. Trotz Sucht und Suchen, "trocken" oder "naß". Geschenkter Glaube bedeutet, meinen Glauben oder Unglauben aufheben und aufhelfen lassen vom Glauben Gottes. All das ist nicht geschrieben als Entschuldigung für den Suff", nicht als Verantwor- tung wegnehmen oder ein Ist-alles-halb-so-schlimm. Es ist geschrieben, um Mut zum Durchhalten zu geben, und zum Neubeginn. Um Trost zu spenden und Verständnis zu wecken. Und um uns alle daran zu erinnern: Jesus ist für uns nicht eine Form der Therapie. Jesus ist nicht Suchtverlagerung auf eine gesellschaftlich (mehr oder weniger) akzeptierte Schiene. Sondern: Jesus ist da für uns und für jeden, der ihn annimmt - in welchem Zustand, in welcher Situation auch immer. Er ist für uns "Alpha und Omega", Anfang des Glaubens Gottes an uns und Ende unseres Glaubens in Schubladen und Kategorien. Wolfgang Schwarzfischer

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